BAP: Intimes Heimspiel in der Kölner Philharmonie

Sieben Musiker, eine handvoll Perserteppiche und unzählige Instrumente hatte Wolfgang Niedeckens Band BAP in der Kölner Philharmonie aufgefahren, um vor – natürlich – ausverkaufter Heimspielkulisse das „Märchen von gezogenen Stecker“ zu erzählen, wie es Frontmann Niedecken zu Beginn erklärte. Denn den Begriff „unplugged“ dürfe man nicht benutzen, darauf habe der Musiksender MTV ein Patent. Aber das sei ohnehin quatsch – denn der Klang des Abends war durchaus verstärkt, „wir benutzen nur andere Instrumente als sonst“, so Niedecken. Übrigens auch, um vor 2000 Zuhörern in den folgenden 3,5 Stunden Teile des nächsten Live-Albums einzuspielen.

Das geht freilich nicht als One-Man-Show. Für die Tour hat sich Niedecken ein Besatzung zusammengesucht, die die märchenhafte Reise auf den fliegenden Teppichen virtuos und frisch umzusetzen vermag.Bassist Werner Kupal, Schlagzeuger Jürgen Zöller, Keyboarder Michael Nass, (Helmut Kruminga konnte aus familiären Gründen nicht mit auf Tour gehen) außerdem Percussionist Rhani Krija, der an diesem Abend zum Publikumsliebling avancierte, dicht gefolgt von Cellistin, Bratschistin, Mandolinistin, Posaunistin, Glockenspielerin und Harmonika-Spielerin (hab ich was vergessen?) Anne de Wolf (spielte bei „Rosenstolz“ und „Revolverheld“)  und ihrem Mann, dem Gitarristen Ulrich Rode und immer wieder als Gast Niedeckens langjähriger Freund Julian Dawson mit der Mundharmonika – der, ganz nebenbei bemerkt, letztlich Niedecken überhaupt dazu inspiriert hatte, das über die Jahrzehnte gewaltig angewachsene BAP-Songbook zu entstauben und teilweise einen erfrischend neuen kammermusikalischen Geist einzuhauchen.

Und wenn der Schlaganfall bei Niedecken von knapp zwei Jahren überhaupt irgendetwas Gutes hatte dann, dass er dazu führte den Wunsch Dawsons aufzugreifen und das Vorhaben „unplugged“-Album endlich in Angriff zu nehmen.

Dieser Spirit verdeutlicht den Wandel, den die Band um den Urkölner Niedecken in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat. Von der veritablen Band mit affrock-Garantie hin zu einer musikalischen Gemeinschaft der leisen aber ernsten Töne – wohlakzentuierte, filigran aufeinander abgestimmt; ein Kollektiv an großartigen Instrumentalisten, die sich, Niedecken eingeschlossen, dem Kollektiven Klangerlebnis unterordnen und dadurch entsprechenden Glanz verleihen. Vielleicht symbolisch für diesen Kollektiv-Spirit ist Schlagzeuger und „Alterspräsident“ (O-Ton Niedecken) Jürgen Zöller. Bei früheren Konzerten war er am Ende regelrecht ausgepumpt, durchgeschwitzt, ein kraftvoller Malocher an den Drums und Becken. Diesmal spielte er wenn es sein musste – und das war eigentlich fast durchgängig – geradezu gebremst und filigran. Oder wie Niedecken es ausdrückte „an die Kette gelegt“.

Niedecken betätigt sich in diesem intimen Rahmen als nonchalanter Conferencier, erklärt immer wieder, wie es zur Songauswahl gekommen war und weshalb es von den alten Gassenhauern an diesem Abend eher wenig zu hören gab. Doch bei der BAP-hymne schlechthin – „Verdamp lang her“ – hatte auch das zurückhaltende, gesetzte Publikum genug vom Wohnzimmerambiente. Plötzlich stand der Saal, klatschte laut mit und skandierte inbrünstig den Refrain: Gänsehaut.

Der weitaus größere Teil des Abends bestritt BAP mit den Stücken, die Niedecken auf seinen zahlreichen Reisen eingesammelt hatte. Von Tanger bis Griechenland, über andere Teile Marokkos vos Costa Rica und bis Ravensburg stammten gehörten viele Songs, die noch aus der Heuser-Ära stammten, eher zu den selten gespielten und leisen B-Seiten – umso hübscher, diese überhaupt noch einmal und dann auch noch sehr spannend neu arrangiert zu hören. Und ein Großteil der Arrangements waren um längen besser, als das, was man bisher so kannte; Besser, weil tiefschichtiger. Und reifer, abgeklärter, überlegter, erfahrener, lebensweiser.

Zu sagen, BAP sei erwachsen geworden, nein, das trifft es nicht. Erwachsen war die Band, die einige Veränderungen zu verkraften hatte und sicher auch einige Durststrecken durchlebte, eigentlich spätestens seit „von drinnen oh drusse“. BAP hat sein jugendliches Ungestüm inzwischen in einer kreative Schaffenskraft kanalisiert, die die Truppe wohl trotz aller Sprachbarrieren außerhalb des Rheinlands, zu einer der besten und reifsten Bands des Landes machen. BAP ist in Würde gealtert und verkörpert das, was man gemeinhin über Männer im „besten Alter“ sagt: sie werden immer interessanter.

Nach der 3,5 stündigen Reise um den Globus und durch den BAP-Mikrokosmos schließt Sänger Niedecken mit den Worten: „Und das war unser Märchen vom gezogenen Stecker“ und schickt ein tief befriedigtes und beseeltes Publikum in die umliegenden Kölner Altstadtkneipen. Wie gesagt: Das gestrige Konzert soll wohl eines Tages als Live-CD erscheinen. 2000 Menschen werden sie auf jeden Fall kaufen. Und allen anderen sei dies ebenfalls ganz dringend ans Herz gelegt. Andreas Nöthen

(Keine Fotoaufnahmen vom Konzert, da dies untersagt war. Daran halten wir uns dann auch. Um größtmögliche Unabhängigkeit in der Berichterstattung zu wahren, hat INSIGHT Worldmusic Magazine den regulären Ticketpreis gezahlt – einer unserer Grundsätze).