Chet Faker: König der Fahrstuhlmusik

Fahrstuhlmusik. Wer einen Song mit diesem Attribut versieht, möchte damit eines: ihn abwerten. Fahrstuhlmusik, der Begriff hat etwas Verächtliches, Geringschätziges. Normalerweise. Nur für einen scheinbar nicht: den Australier Nick Murphy. Nick wer? Ah, vielleicht klingelt’s ja bei Chat Faker. Wie, auch nicht?

Dabei hat der bärtige Mittzwanziger doch alles unternommen, um die nächste Stufe der Prominenz zu erklimmen. Er hat im Frühjahr seine sommerliche Heimat Melburne vorübergehend verlassen, um in Europas Metropolen – London, Paris, Brüssel, Amsterdam, Berlin – die Werbetrommel zu rühren, für sein neues Album „Built on glass“.

Nun ganz so unbekannt kommt er nicht daher. Runde 22.000 Follower bei Twitter hat er – für einen in vielen Gegenden noch nicht etablierten Künstler ist das recht ordentlich, vorausgesetzt die Follower sind alle echt. Bei Facebook sind es knapp 250.000. Sein Youtube-Hit „No Diggity“, ein 90er Hit der Band Blackstreet, erreicht bei Spotify Anspielzahlen im mittleren einstelligen Millionenbereich. Irgendwie scheint es, als seien die Followerzahlen realistisch.

Die Legende besagt, dass alles vor etwa drei Jahren begann. Nach etlichen Energiebrausen war Murphy eines morgens nach einer Clubnacht offenbar nicht müde genug, um einfach ins Bett zu gehen. Kurzerhand schnappte er sich sein neues Mikrofon und sang über den Blackstreet-Song eine neue Tonspur ein. Schön geschnitten landete das Ganze auf Youtube. Inzwischen kursieren dort mehrere Versionen, die es zusammengenommen auf runde 5 Millionen views bringen. Der Kerl scheint es echt drauf zu haben. Taurin-Jazz nennt das Magazin „Intro“ das. Passt. Er selbst nennt das „Future Beat kombiniert mit Modern Soul“.

Dabei ist die Musik Fakers alles andere als das, was man von einem Popstar erwartet. Ruhiger schleppender ambientartiger Elektropop – schön smooth – dazu der sonore Gesang. Schön zum nebenbei hören findet Faker selbst. Und er findet das gar nicht schlimm. Ihm gefällt der Gedanke, dass seine Musik im Hintergrund läuft, während eine Person etwas ganz anderes tut. So hört auch er Musik. „Sie soll Alltag harmonisieren und nicht gegen uns arbeiten“, sagte er Intro. Eben das, was funktionierende Fahrstuhlmusik ausmacht: im engen Blechkäfig vor klaustrophobischen Attacken bewahren.

Übertragen auf den Alltag könnte man das auch so ausdrücken: eine mitunter bedrohliche Welt in ihre Schranken weisen und ausblenden. Das ist, wenn man es genau überlegt, eigentlich ziemlich viel, was Musik bewirken kann. Kein Wunder also, das Chet Faker nichts dagegen hat, wenn man seine Musik Fahrstuhlmusik nennt. Andreas Nöthen

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