Frankreich sucht neue Helden – und findet Sängerin Indila

Frankreich geht es zurzeit ziemlich dreckig. Politisch zuletzt deutlich nach rechts gerückt, zudem glücklos bei der Bewältigung der Krisennachwehen. Hollande – ein Clown. Im Fußball erwartet die Grande Nation im Sommer so gut wie nichts. Kurzum, der stolzen Nation gehen die Helden aus. Neue Helden müssen her.

Einer scheint gerade gemacht zu werden. Ende Februar erschien ein Album mit dem Titel „Mini World“, inzwischen mit Doppelplatin ausgezeichnet. Dessen Urheberin: eine junge Frau, die vor wenigen Tagen ihren 26. Geburtstag vollendete. Ihr Name. Indila. Also ich Künstlername. Bürgerlich heißt sie Adila Sedraia und wird musikalisch der Richtung R&B zugeordnet.

Indila kommt aber auch gerade recht. Die Sängerin ZAZ, die Ende 2010 dem Chanson frisches Leben einhauchte, ist längst etabliert und hat den Reiz des Neuen verloren. Und die anderen Fräuleinwunder -schöner Begriff der 50er Jahre-, die Frankreich in der Vergangenheit vorgebracht hatte, sind etabliert oder vergessen. France Gall, die Frankreich beim Grand Prix vertrat und die mit der Single „Poupée de cire, Poupée de son“ 1965 hoch und blutjung – sie war gerade knapp 18 Jahre alt) in der deutschen Hitparade landete.

In den 80er- Jahren machte eine gewisse Vanessa Paradis groß von sich reden. Mit 15 landete sie mit „Joe le taxi“ einen Riesenhit. Sie sang zwar weiter – ihr Live-Album „Vanessa Paradis live (1994) ist legendär gut – in den 1990er Jahren wurde Paradis als Model für den Damenduft „Coco Chanel“ der Firma Chanel in einem Werbespot über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bekannt. Und durch ihre Beziehung mit dem Schauspieler Johnny Depp, die immerhin 14 Jahre hielt.

Die letzte französische Lolita-Sängerin war die Korsin Alizeé (Alizée Jacotey, inzwischen blondiert). Sie kokettierte ganz offensiv mit ihrem Alter, als sie im Jahr 2000 den Song „Moi…Lolita“ in ganz Europa erfolgreich machte. Damals war sie 16 Jahre alt.

Mit Lolita-Image scheint Indila nun nicht am Hut zu haben. Dafür verfügt sie über eine andere Eigenschaft, die in Frankreich Heldenpotenzial hat. Sie ist Tochter nordafrikanischer Einwanderer, einer Bevölkerungsgruppe, die in Frankreich immer wieder für (oft negative) Schlagzeilen sorgt. Oft eizige Ausnahmen sind erfolgreiche Karrieren im Sport, respektive Fußball, oder in der Musik (z. B. Rap-Sänger Nuttea).

Mit ihrer ihrer Debüt-Single „Dernière Danse“ (zu Deutsch: „Letzter Tanz“) erreichte sie gerade Platz 2 der offiziellen Singlecharts, landete auf Platz 1 der Shazam Charts und auf Platz 2 bei iTunes. Jetzt will Indila mit ihrem leicht melancholischen Pop-Hit auch in Deutschland durchstarten. Kommenden Freitag kommt „Mini World“ auch in die deutschen Läden.

Die musikalischen Einflüsse, die Indila nachgesagt werden, sind weit gefasst, sie reichen von Michael Jackson, über Jacques Brel bis Warda oder Lata Mangeshkar, einer indischen Sängerin der 1940er Jahre. Ihrer Vorliebe zu Indien soll sie übrigens auch ihr Künstlername Indila entsprungen sein.

Schon als Siebenjährige schreibt Indila ihre ersten eigenen Gedichte. Sie entwirft Traumszenarien, unternimmt auf dem Papier endlos lange Reisen in entlegene Regionen, zunächst noch in recht kindlicher Sprache, aber schon damals schimmern jene Themen durch, die sie auch heute noch in ihren Songtexten umkreist.

Schon 2010 ging es für Indila los: Sie knüpft erste Kontakte im musikgeschäft, wirkte wenig später auf diversen Rap- und HipHop-Veröffentlichungen als Vokalgast mit, etwa auf Tracks von Soprano („Hiro“), Rohff („Thug Mariage“) oder auch Nessbeal ist sie zu hören („Dust of Empire“). Eine weitere Zusammenarbeit, dieses Mal mit Youssoupha, entpuppte sich schließlich als erstes Highlight ihrer bisherigen Karriere: Der Track “Dreamin”, veröffentlicht im Januar 2012, ging auf Anhieb bei YouTube durch die Decke – inzwischen verzeichnet er 16 Millionen Views.

Inzwischen sind aus den Gedichten Songs geworden: Wie damals, schreibt und singt sie auch heute über ihre Gefühle, über das, was sie um sich herum beobachtet, und flieht so oft es geht in ihre eigene klangliche „Mini World“ – ein Rückzugsort, an dem Leid und Schmerz keinen Platz haben.

Eine Welt, in der keine Genrebegriffe existieren: Harmonien, die man kaum noch kennt und die schon deshalb nach purer Nostalgie klingen, treffen auf durch und durch zeitgenössische Beats – eine Mischung, die eigenwillig und zeitlos klingt. Weltmusik trifft auf Varieté und einen ordentlichen Schuss Pop. Das klingt frisch und originell. Aber die kann es in Deutschland entspannt angehen. den Heldenstatus hat die Pariserin in Frankreich ohnehin ja schon sicher.