Sophie Hunger: Schweizerin macht ein Jahr Pause nach 150 Konzerten

„Das Neue“ lautete ein  Titel eines aktuellen Songs des Albums „The Rules of Fire“ (in opulenter Aufmachung mit Dokumentarfilm auf DVD), das die Schweizerin Sophie Hunger 2013 veröffentlichte und mit dem sie anschließend auf Tour ging. Über 150 Konzerte waren es weltweit, kreuz und quer durch Europa, viele davon in Deutschland. „Sophie Hunger benötigt eine Auszeit vom intensiven Tourleben und wird im Jahr 2014 keine Konzerte spielen“, tut ihr Management via Facebook kund.

Und an die Konzertabstinenz, wohl auch zum Selbstschutz, hält sich Hunger eisern. Eine Entscheidung die mutig ist und Respekt verdient, jetzt, wo die Karriere so richtig gut rollte. Ihr Konzert  im Rahmen des Women of the WorldFestivals wird trotz des regen Interesses auf den 16. Mai 2015 verschoben. Es hätte eigentlich am 9. Mai in der Alten Oper Frankfurt stattfinden sollen.  Die Tickets behalten in ihrer jetzigen Form Gültigkeit. Wer den Nachholtermin nicht wahrnehmen kann, kann sein Ticket dort zurückgeben, wo es gekauft wurde, teilen die Veranstalter des Festivals mit traurigem Unterton mit. Aus gutem Grund: die Schweizerin, die heute ihren 31. Geburtstag feiert, gehört musikalisch zu dem reifsten und besten, was die Eidgenossen derzeit zu bieten haben.

„Fremde“, der Songtitel – ein Stück von Max Herre, bei dem sie mitsingt – klingt ein wenig nach Programm bei Hunger, die eigentlich Emilie Jeanne-Sophie Welti, heißt. Denn die Frau wuchs als Diplomatenkind an vielen Orten auf – in Zürich, London oder Bonn.

Als Kind hatte Sophie Hunger für einige Zeit Klavierunterricht. Ihr Vater hörte viel Jazz und Punk, so dass sie früh mit diesen Musikrichtungen in Berührung kam. Über ihre Mutter lernte sie diverse Volkslieder kennen – ein durchaus breit angelegter Kanon, den sie schon früh kennenlernte. Vielleicht erklärt das, weshalb auch die Musik Hungers so viel- und wechselseitig ist. Ruhige, verträumte Chansons mit einem guten Schuss Melancholie finden sich dort ebenso wie Stücke im Stile einer Lierdermacherin. Und das Ganze mal auf Französisch, Deutsch, Schwizerdüütsch oder Englisch (mit nettem schweizer Akzent). Hunger hatte wechselnde Vorlieben, begeisterte sich als Jugendliche für Hip-Hop und Rhythm and Blues, später Rockmusik und entdeckte als junge Erwachsene Country, Bluegrass und Folk.

Zwischen 2002 und 2006 war Hunger Gastsängerin bei dem Projekt „Superterz“, sie ist auch auf dem 2006 veröffentlichten Album Standards zu hören. Ab 2004 war Hunger zudem als Sängerin Mitglied in der Indie-Rock-Band Fisher, die sich 2007 auflöste.

Im September 2006 veröffentlichte Sophie Hunger ihre erste CD Sketches on Sea, die sie selbst als Homerecording aufgenommen hatte. Für diese Veröffentlichung wählte sie erstmals den Künstlernamen Sophie Hunger, der aus ihrem zweiten Vornamen sowie dem Geburtsnamen ihrer Mutter zusammengesetzt ist. Die Aufnahme fand recht große Beachtung, bereits im Mai 2007 spielte Hunger als Vorband von Stephan Eicher in Paris und trat im Juli am Schweizer Montreux Jazz Festival als Gast mit Raphelson und John Parish auf.

„Was Sophie Hunger aus dem anschwellenden Meer der zeitgenössischen Songschreiberinnen hervorhebt, ist zum Beispiel die Kombination von Integrität und Reife, die sie auf “Monday’s Ghost” beweist.“ Diese Beschreibung stammt aus der Programmvorschau für das Women oft he World-Festival, bei dem sie sich auch neben großen Namen wie Angelique Kidjo, Lisa Stansfield oder ZAZ nicht hätte zu verstecken brauchen. Sophie hat ihre eigene Nische gefunden und trifft mit ihrer Musik offenbar den Nerv des Publikums. Immer mit ihr auf der Bühne: Flötist Christian Prader, Posaunist Michael Flury, Schlagzeuger Julian Sartorius und Bassist Balz Bachmann. Da geht sie keine Kompromisse ein. “Um meine Musik zu machen, brauche ich Leute, die mir vertrauen”, hat sie einmal gesagt.

Ihren musikalischen Durchbruch erlebte sie mit 2008 „Monday’s Ghost“, das, über einen kleinen Vertrieb verkauft, schnell die schweizer Hitparade stürmte – bis zum Platinstatus. Kurz drauf riss sich Universal Music Jazz die Scheibe unter den Nagel und erschloss den französischen, deutschen und österreichischen Markt.

Unter dem Namen The Rules of Fire veröffentlichte Hunger im Dezember 2013 ein Doppelalbum mit Liveaufnahmen – inklusive dreier neuer Titel – und einen 60-minütigen Dokumentarfilm des französischen Regisseurs Jeremiah, der Hunger und ihre Band ein Jahr lang auf ihrer Europatournee begleitete. Der Titel „The Rules of Fire“ bezieht sich auf die „Ten Rules of Fire“, Hungers zehn Regeln der Kunst, wie „Never try to please“ oder „Never explain yourself or your work“. Neben ihrer musikalischen Tätigkeit tritt Hunger auch schreibend in Erscheinung. Für etliches Aufsehen sorgte ihr fiktionaler Bericht über die Salzburger Festspiele 2010, den sie in Form eines Briefes an den verstorbenen Thomas Bernhard gestaltete – alles Gründe, die bereits gekaufte Karte für das Women oft he World Festival für das nächste Jahr gut aufzuheben oder auf Rückläufer zu hoffen. Andreas Nöthen

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(Text aktualisiert am 3. April 2014)