Christa Couture: Das Leben leben, auch wenn es nicht dein Freund sein will

Das Leben ist oft ungerecht. Das könnte man meinen, wenn man die Biografie der kanadischen Sängerin Christa Couture anschaut. Hört man ihre Musik, könnte man einen ganz anderen Eindruck gewinnen. Es begann früh, mit 13 Jahren. Da erkrankte sie an Krebs. Und verlor ein Bein.Es sollte nicht der einzige Schicksalsschlag bleiben.

Christa wuchs auf in Edmonton. Ihre Mutter sang in einem Folk-Trio. Ihr Vater führte zeremonielle Musik der indianischen Ureinwohner – in Kanada First Nations genannt auf. So lag auch für sie ein musikalischer Weg nahe. Sie sang in Chören und spielte Musiktheater, bis sie nach Vancouver ging, um dort die Filmschule zu besuchen. Es sollte fast ein Jahrzehnt dauern, bis sie sich wieder der Musik zuwandte.

Ihr erstes Album (2005) trägt den Titel „Fell out of Oz“. Die Presse gab ihr gute Kritiken. Das Nachfolgealbum „The Wedding and the Untertaker“ (2008) schlug richtig ein. Im selben Jahr gewann

es den Canadian Aboriginal Music Award für das beste Folk Akustik-album. Daneben war Christa Couture als beste weibliche Künstlerin nominiert. Das Album stieg in die Top 10 bei CBC Radio 3 und toppte den National Aboriginal Music Countdown. Schon damals waren sich die Kritiker einig, dass die Lieder Coutures vor allem durch feinsinnigen Humor und lebensweise Abgeklärtheit bestechen.

Und hätten man geahnt, was danach passieren würde, hätte man wohl gedacht, dass es das wohl war mit all der Leichtigkeit. Erst hatte Couture zwei Söhne. Durch zwei Schicksalsschläge – die sie unabhängig voneinander ereilten – hatte sie plötzlich keine mehr. Ihr erster Sohn starb am Tag nach der Geburt- es hatte Komplikationen gegeben. Ihren zweiten Sohn verlor sie, als er 14 Monate alt war. Nicht wenige Menschen hätten sich von drei derartig brutalen Nackenschlägen des Schicksals nicht mehr erholt. Und wenn sie noch mal auf die Beine gekommen wären, man hätte ihnen ihre Verbitterung nicht verübeln können.

Doch nicht so diese Frau. „Ich dachte das einzige, was mich retten kann ist es, mit meinem gebrochenen Herzen hinaus zu gehen“, sagte sie einmal in einem Interview. Mehr als zwei Jahre danach ging sie wieder auf Tour, mit ihrem dritten Album. Es trägt den bezeichnenden Namen „The Living Room“.

Nachdenklich, ja, das sind die Stücke mitunter schon; aber wer nun ein düsteres, gar depresives Album erwartet hätte, in dem Christa Couture hadert, lamentiert und mit dem Leben abrechnet, der sieht sich völlig auf dem Holzweg. „The Living Room“ schöpft seine ungeheure Kraft und Intensität aus der großen Hoffnung, die in allen Liedern deutlich vernehmbar mitschwingt. Dabei versteht sich Couture meisterlich darauf, in die Pallette zarter Pastelltöne zu greifen – aber auch den einen oder anderen kräftigen, freundlich Farbton beizumischen.

„Als ich das Lied (Lucky or Lost) schrieb, schluchzte ich nur und hatte diesen absolut kathartischen Moment an meinem Klavier“, erzählte sie der Zeitung Times Colonist. In dem Text singt sie über den Verlust der Kinder, gewissenmaßen als Augenzeuge der Katastrophe. „Schwer zu sagen, ob ich jemals wieder vor einer Ansammlung von Herzen werde singen können, wenn diese Herzen nicht weit geöffnet sind“, heißt es darin im Walzertakt.

Dieses Album verströmt in jeder Sekunde die Botschaft: Ja, das Leben geht weiter und ist es wert, gelebt zu werden. Auch wenn es mitunter einen verdammt hohen Preis fordert. Und das macht dieses Album, macht diese Frau zu einer der bemerkenswertesten Künstlerinnen, die einem so unterkommen können.

Die Haltung ihrer Songs sind auch Coutures Haltung. „Manchmal finden Leute das über mein Bein heraus und ich habe vorher nichts von meinen Kindern erzählt, dann sind sie geschockt. Ich sage dann: naja, es ist nur ein Bein, es gibt Schlimmeres“, sagte sie dem Kanadischen Zeitung Times Colonist.

Wer nun Lust hat, diese tiefbeeindruckende Frau einmal live auf der Bühne zu erleben, braucht dafür nicht eigens nach Kanada zu reisen – auch wenn es die Reise sicher wert wäre. Zurzeit ist Christa Couture in Deutschland unterwegs.“Kriminell unterschätzt“, nannte ein Kritiker die Sängerin Christa Couture mal. Und selbst das ist noch untertrieben. Wenn es jemanden gibt, der etwas zu erzählen hat und aus dessen Musik man Kraft schöpfen kann, dann doch wohl sie.