Louise Distras: “Ich werde nie über Schuhe und Handtaschen singen”

Sie ist erst 25 Jahre alt, hat aber eine Menge zu sagen. Louise Distras stammt aus dem nordenglischen Wakefield, einer Gegend, die in den letzten Jahren viel Elend erlebte. Über ihre Herkunft, ihr Selbstverständnis als Musikerin und Facebook sprach sie mit INSIGHT Worldmusic Magazine.

Name: Louise Distras

Wohnort: Wakefield, UK

Alter: 25 Jahre

Musikerin seit? Ich bin Musikerin seit meinem sechsten Lebensjahr. Vollzeit-Musikerin bin ich, seit ich 21 Jahre alt bin.

Lieblingsfußballclub: Ich hasse Fußball

Stil: Acoustic punk.

Lieblingsbands/Vorbilder: Nirvana, The Clash, The Beatles, Queen, The Distillers, New Model Army, Pascal Briggs, Hole, ELO, Pearl Jam, Bee Gees, Hole, Mudhoney, Kurt Cobain, Jack London, Charles Bukowski, John Lennon.

Bitte vervollständige den Satz: Wenn ich erwachsen bin, möchte ich…  ein wenig glücklicher sein, als ich es jetzt bin

Künstler, mit denen ich einmal gerne auf der Bühne stehen würde: Künstler mit guten Werten und deren Motivation zur Musik Kunst und Integrität sind. Und nicht das Geld. Oh, und Pascal Briggs… und vielleicht auch noch Rancid.

New Model Army sind… eine meiner absoluten Lieblingsbands und werden zugleich immer eine meiner größten Inspirationsquellen sein. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich mit ihnen vergangenes Jahr auf England-Tour gehen durfte.

Paul Weller… und The Jam brachten mich zur Rickenbacker-Gitarre

Liam Gallagher… und Oasis brachten mich wieder weg von der Rickenbacker-Gitarre.

Globalisierung… kann helfen, Technologie und medizinischen Fortschritt weit zu verbreiten und so in manchen Gegenden der Welt helfen dazu beizutragen, die Armut etwas einzudämmen. Andererseits bündelt es die Macht bei großen Firmen und kann dazu beitragen, dass ärmere Menschen weiterhin keine Teilhabe haben. Globalisierung  ist ein sehr kompliziertes Gedankenkonstrukt.

Wie wichtig sind soziale Netzwerke wie Facebook oder Myspace für junge Nachwuchskünstler? Letztlich geht alles darum vernetzt zu sein. Social Media überbrückt die Lücke zum Zuhörer – deshalb ist es wichtig, dass Künstler sich dieses Werkzeugs bewusst werden und es zu nutzen lernen. Deshalb sind Facebook, Myspace oder wie sie alle heißen – ein wichtiger Teil, der dazu beiträgt, heutzutage bekannt werden zu können, zumal im Internet alles so dermaßen schnell geht.

Deshalb glaube ich schon, dass junge Künstler es sich eigentlich nicht leisten können, auf soziale Netzwerke wirklich zu verzichten. Der Nachteil ist natürlich, dass plötzlich jeder in irgendeiner Band spielt. Leute werden mit neuer Musik regelrecht zugespamt. Deshalb kommen sie kaum dazu, sich wirklich mit neuer Musik auseinander zu setzen.

Ich habe kein Management oder einen Booking Agenten oder sowas. Ich verbringe (zu) viel Zeit im Internet, verschicke Mails, gebe Interviews, telefoniere oder spreche mit „Fans“. Online bin ich aber genauso wie im richtigen Leben, ich verstelle mich dort nicht. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, das irgendwann einmal anders zu machen. Ich fände es tödlich, wenn meine Fans (ich hasse das Wort Fans, übrigens!) das Gefühl hätten, sie könnten sich mir nicht nähern. Musik ist inklusiv und nicht exklusiv.

In den 70er-Jahren kam der Begriff des “angry young man”, des wütenden jungen Mannes auf um Musiker zu beschreiben, die gesellschaftskritisch gaben. Siehtst Du Dich als eine Ikone einer neuen Art, der „wütenden jungen Frauen“? Ich bin definitive keine Authorität oder gar Ikone!! Bands wie The Slits, X Ray Specs, Bikini Kill und Sleater Kinney (nur um ein paar zu nennen) haben alle Grenzen überschritten und brachten die “Riot Girl Bewegung” mit der ersten Punkwelle in den 70er-Jahren voran. Frauen wie Courtney Love (Hole), Brody Dalle (The Distillers), L7 oder sogar Nirvana beförderten das „Riot Girl“ in den Mainstream. Nun konnte es nicht mehr ignoriert werden, was Frauen half, sich im sehr männlich dominierten Musikgeschäft einen Platz zu erkämpfen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass  diese Musiker sich selbst auch nicht  als Ikonen sehen. „Riot girl“ und Feminismus stehen für Gleichheit für alle, egal welcher Rasse, Geschlecht oder Schicht.

Siehst Du Dich als politische Musikerin? Ja, und ich glaube daran, dass Politik allgemein  nichts damit zu tun hat, dass Kunst in sich eine gewisse Position vertreten sollte. Gegenwärtig hört man Musik im Radio und im Web, die mir nichts sagt. Die überwiegende Mehrheit ist künstlich und brav. Es sieht fast danach aus, als wäre die Apathie das neue Schwarz. Politik ist nicht das Ende der Musik – doch ich finde, es ist wichtig, die Welt zu hinterfragen, egal in welches Genre man uns als Künstler hineingesteckt hat. Es wird immer Leute geben, die sagen, dass Politik in der Musik nichts zu suchen hat und dass Musik die Welt nicht verändern kann. Aber Musik ist sehr mächtig! Sie sagt uns: wir sind nicht alleine und sie hilft uns dabei, die Welt zu verstehen.

Es ist wichtig, eine Stimme zu haben und ich möchte mein Leben nicht damit verbringen Dinge zu ignorieren, die ich von Grund auf für falsch halte. Deshalb wird es auch nie meine Absicht sein, über Schuhe, Handtaschen , Jungs oder Partys zu singen. Ja, ich bin definitiv eine politische Künstlerin und stolz drauf!

In den 70ern und 80ern lehnten sich Musiker und Bands gegen den Thatcherismus auf, gegen Privatisierung und das Klassensystem – welche sind für die die Themen des 21. Jahrhunderts? Ich bin in Wakefield damit aufgewachsen von der Hand in den Mund zu leben in dem Chaos, das sie hinterließ, nachdem sie Wakefield und den Rest Nordenglands dem Erdboden gleichgemacht hatte. Die Menschen waren verarmt, völlig entmenschlicht, angepisst und richteten diesen Zorn gegen sich selbst, anstatt gegen den wahren Feind zu kämpfen.

Daran hat sich bis jetzt nicht viel geändert. Viele der früheren Bergbaustädte sind noch immer 30 Jahre hintendran und das ist die Wahrheit. Der einzige Unterschied zu den 70ern und 80ern ist, dass die damalige Generation wusste, weshalb sie so wütend war. Die Kids in meiner Heimatstadt Wakefield wissen das heute nicht mehr. Aber die Aggression wurde in sie hineingeboren, als Nebenprodukt von dem, was Thatcher tat. Und das hat natürlich mein Leben beeinflusst und das, gegen das ich kämpfe – meist ist das die Apathie.

Wie gesagt: Ich sehe mich definitive nicht al seine Art von Authorität und ich würde niemandem vorschreiben, worüber er Lieder schreiben sollte. Dennoch meine ich ist es wichtig seine Stimme gegen das zu erheben, was man falsch findet. Und es gibt im 21. Jahrhundert eine Menge Dinge, die sehr sehr falsch laufen.

Hattest Du jemals daran gedacht, möglicherweise in einer Band zu spielen? Oder was sind die Vorteile des Solokünstler-Daseins? Das schön daran ein Solokünstler zu sein ist, dass du überall, jederzeit spielen kannst, was dir gefällt und mit wem du willst. Es ist so schön, einfach in den Bus oder  Flieger zu hüpfen, wenn du alleine unterwegs bist mit deiner Gitarre. Deshalb erspare ich mir den ganzen Kram einer Band einfach.

Was aber nicht heißen soll, dass ich keine Lust hätte, irgendwann einmal mit anderen Musikern zusammenzuspielen. Momentan liegt mein Debütalbum in den letzten Zügen und ich kann ziemlich sicher behaupten, es enthält nicht nur Stimme und Gitarre. Darum: wer weiß schon, was wird?

Alleine zu spielen macht mir keine Angst, im Gegenteil: es gibt mir Energie. Je mehr Leute mitreden wollen, desto eher kommt es zu Konflikten.

Wo siehst Du Dich in 5 Jahren? Ich würde gerne daran glauben, dann in einer Welt zu leben, die eine Bessere geworden ist, aber ich glaube nicht, dass das nur der Fall sein wird, wenn wir lernen, miteinander ein wenig besser umzugehen und weniger apathisch zu sein. Abgesehen davon weiß ich nur, dass ich irgendwann einmal sterben muss. Deshalb nehme ich jeden Tag so wie er kommt.

Danke für das Gespräch, Louise.

Wer Louise bei der Finanzierung ihres Debütalbums unterstützen möchte, kann dies auf ihrer Homepage tun. Unter der Kategorie „Pledge“ können Gegenstände gegen eine Spende erstanden werden. Von der signierten CD bis zum Privatgig im eigenen Wohnzimmer:

Homepage:

www.louisedistras.co.uk

Youtube:

The Hand you Hold